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Susanne Zetzl Autorin
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Erschienen in der Anthologie

„Mein Leben im Dschungel"

Verlag: net-Verlag, Maria Weise

ISBN: 978-3-95720-142-3

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Allein, allein


Hätte ich nur auf den Panther gehört. Dann würde ich jetzt nicht hier sein müssen. Allein. Wartend.

Wir waren sechzehn Leute. Gestern noch. Wir hatten das Paradies. Hier kamen meine beiden Schwestern zur Welt. Niemand ist übrig geblieben.

Nach fünf Jahren im Dschungel wussten wir, wie wir uns verhalten mussten, um zu überleben. Mit jedem Monat, den wir das schafften, wurde es leichter und wir zuversichtlicher. Wir waren drei Familien. Anfangs nur zu zehnt. Bis gestern sechzehn. Nun bin nur noch ich hier.

Hätte ich nur auf den Panther gehört.

Unsere Unterkünfte waren Baumhäuser. Hoch oben im Blätterdach, ewig grün, geheimnisvoll. Es gab drei große Wohnbereiche, alle mit Baumwipfelstegen oder Hängebrücken verbunden. Nicht nah beieinander, nein: weitläufig, unübersichtlich. Aber immer noch in Rufweite. Ich liebte es, sie entlangzugehen, nur so. Irgendwann kam man dann bei den anderen an, schaute, was sie machten, setzte sich zusammen und lachte. Meine Cousine und mein Freund Jonas waren so alt wie ich, siebzehn. Wir lebten im Paradies, im Garten Eden. Über uns der Himmel, unter uns ein grüner See, gespeist von einem Wasserfall.

Und wir dazwischen.

Wir ernährten uns von dem, was die Großen jagten oder anbauten und wir Kinder sammelten. Nur pingelig durfte man nicht sein, dann war es einfacher, als man sich das für gewöhnlich vorstellt. Wie sonst hätten wir fünf Jahre in der Wildnis überleben können?

„Man muss es nur wollen. Dann fliegen einem die gebratenen Papageien nur so in den Mund“, sagte mein Vater. Er war der Initiator gewesen, damals, vor fünf Jahren. „Was hab ich davon, wenn ich mich mit meinen Kollegen darin messe, wer am besten die Ellenbogen ausfahren kann? Mit seinen Armen kann man weiß Gott Nützlicheres anfangen!“ Mein Vater war Pragmatiker. Und Träumer. Immer, wenn ich mir vorzustellen versuchte, wie er vor dem Dschungel war, verblasst er. Ich kenne ihn nur so, wie hier im Busch: Tiefgründig, wandelbar, vielseitig. Er hatte immer eine Idee, wusste, wie es weitergehen muss, wenn es mal schwierig wurde. Bis auf den Tag, an dem der Sturm losbrach – da wurden seine Ideen weggeblasen wie Blütensamen.

Wieso habe ich nicht auf den Panther gehört? Warum war ich zu feige, meinen Leuten von ihm zu erzählen? Hätte ich es getan, würden sie noch leben. Hätte ich was gesagt, hätten wir rechtzeitig reagieren können, Maßnahmen ergreifen, die Baumhäuser sichern, uns in Sicherheit bringen. Zeit genug wäre geblieben. Dann wäre ich jetzt nicht allein. Mit meiner Angst, wie ich die Nacht überleben soll, hier am Boden.

Ich wünsche mir, dass wenn mich ein wildes Tier angreift, dass es der Panther ist.


Die Morgensonne ist heiß und schimmert so frech und lustig durch das Blätterdach, als wollte sie sich einen Spaß mit mir machen. Doch mir ist nicht nach Spaß zumute. Ich will meine Augen nicht öffnen. Mein Bein schmerzt und ich kann mich nur kriechend fortbewegen. Die vergangene Nacht war die erste, seit ich im Dschungel lebe, in der ich mich fürchtete. Die Geräusche, die ich sonst so liebe, sicher oben in den Baumkronen, klingen hier unten am Boden ganz anders. Wenn man sich nicht bewegen kann. Weiß, dass man schon verloren hat, wenn man nur daran denkt, vor dem wegzulaufen, was aus dem Dunkel kommt. Wie lange wird es noch dauern, bis eines der wilden Tiere meine Schwäche riecht?

Wenn ich nur nicht so allein wäre. Verloren auf dem modrigen Boden, über dem die Luft so feucht und zäh hängt, wie ein dickes Spinnennetz. Warum konnte nicht wenigstens einer von den anderen überleben? Jonas, Sophie oder von mir aus auch Pia, die ich nicht ausstehen kann. Aber da ist keiner mehr. Ich weiß es, weil ich gesehen habe, wie sie starben. Weil ich ihre Schreie gehört habe. Das Krachen und Splittern von Holz. Und weil ich mir die Seele aus dem Leib brüllte, nachdem der Sturm sich schlafen gelegt hatte.

Und es still blieb.


Nur ich bin übrig. Weil ich den Panther sprechen hörte?

„Du lebst hier ein besonderes Leben, Anne“, sagte meine Mutter noch am Tag vor dem Sturm. „Sei dir dessen immer bewusst – es ist ein Geschenk.“ Schönes Geschenk. Sie wurde als Erste weggerissen. Mein Vater wollte sie halten, doch die Holzbrüstung, an der sie sich festkrallte, stürzte mit ihr in die Tiefe. Einfach so. Wie ein unumstößliches Gesetz – Regen fällt vom Himmel, Baumhäuser stürzen ein; kein Spielraum für Verhandlungen. Mein Vater fiel hinterher. In das, was kein Boden mehr war. Nur schäumende, reißende Wassermassen. „Er lässt mich allein“, dachte ich. Doch später wusste ich: Er hätte mich nie allein gelassen. Und auch meine beiden kleinen Schwestern nicht, die mir gegenüber schreiend aus der kleinen Vorratskammer winkten. Sich aneinanderklammerten. Und die genauso verschwanden, wie meine Eltern.

Sie hätten uns nie allein gelassen. Der Sturm war es, nur dieser eine, be-sondere Sturm. Vor dem mich der Panther warnte. Wir hätten alle überleben können.


Wurzeln, Pilze und Moose sammeln, war die Aufgabe von uns Kindern. Meine Tante Sarah mochte es nicht, wenn wir alleine loszogen. „Ihr geht immer mindestens zu zweit, oder gar nicht“, sagte sie. Sarah war eindeutig die Ängstlichste unter uns. Wie oft hat mein Onkel sie deswegen aufgezo-gen! „Dass du mit mir in den Dschungel gegangen bist, ist der höchste Liebesbeweis, den man sich nur vorstellen kann, wenn man weiß, was für ein Schisser du bist“, lachte er und drückte sie an sich. Sie hatte Recht: Ich hätte an jenem Nachmittag nicht allein losziehen sollen. Dann wäre mir der Panther bestimmt nicht über den Weg gelaufen. Und ich müsste mir jetzt keine Vorwürfe machen.

Ganz am Anfang, in der ersten Zeit, habe ich meinen Vater mal gefragt, ob es hier auch schwarze Panther gibt. „Nein, mach dir keine Sorgen, die gibt es hier nicht“, war seine Antwort.

Ich weiß es jetzt besser.

Ich habe ihn nicht kommen hören. Die Wurzel, die ich ausgraben wollte, wehrte sich und brauchte meine ganze Aufmerksamkeit. Erst als ich den Schatten spürte, der sich zwischen die Sonnenflecken auf meine Haut schob, sah ich auf. Seine Augen waren grün, wie das herabstürzende Was-ser hinter dem Wasserfall, wenn die Sonne mittags hoch steht. Sie stachen hervor aus dem schwarzen Fell, wie Glühwürmchen. Sein Maul war halb geöffnet, ich konnte seine Reißzähne sehen. Sie waren riesig. Die ganze schwarze Katze war riesig. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir uns anstarr-ten, er und ich. Irgendwann hörte ich die Stimme, die sagte, dass wir gehen sollten. Verschwinden, so schnell wie möglich. Die Stimme war in meinem Kopf, ganz deutlich hörte ich sie. Ich wusste, es war seine. Aber wer hört schon auf einen Panther? Seltsam, ich hatte keine Angst. Ich sah jede Ein-zelheit; die braunen Pünktchen seiner grünen Iris, die Wimpern, die zit-ternden Barthaare, das glänzende Fell, das sich bei jedem seiner Atemzüge hob und senkte...

Ich weiß, dass er mich nicht vertreiben wollte. Er wollte warnen. Und ich habe nichts gesagt.

Am Abend vor dem Sturm waren wir bei Sigrid, Mamas Freundin zusammengesessen. Sie trug den neugeborenen Felix in einem Tuch bei sich. Felix bedeutet Glück. Das hielt für ihn gerade mal zweieinhalb Wochen. Die Brüllaffen in den Bäumen tobten wie verrückt und die Mücken waren stechwütiger als sonst. Als hätten sie eine Ahnung davon gehabt, was sich über Nacht zusammenbraute.

Wir hatten schon viele Regenstürme überlebt. Immer kamen sie am Nachmittag. Auch das Wasser, das manchmal aus dem See platzte, als hätte jemand einen riesigen Felsen hineingeworfen. Die Flüsse, die über die Ufer traten. Immer hatten die Baumhäuser Stand gehalten, stabil auf ihren langen, biegsamen Stelzen, die fest mit den Bäumen und der Erde verbun-den waren. Das Schwanken war nie schlimmer als eine Fahrt mit dem Floss auf trägem Gewässer. Doch das, was am frühen Morgen losbrach, war noch nie dagewesen. Das kannte ich nicht. Es kam so plötzlich.

Der Himmel platzte auf. Und erbrach alles, was er sich für diesen einen Morgen aufgehoben hatte. Das Wasser schoss auf uns herab, sammelte sich, um dann mit um so größerer Wucht auf dem Boden alles mitzureißen, was sich ihm in den Weg stellte. Der Sturm presste uns die Luft aus den Lungen. Unsere Häuser trieben auf den Kronen der Bäume wie ein leck geschlagenes Boot in schwarzer See. Es gab kein oben, kein unten mehr. Nur noch die Elemente Wasser und Sturm, zwei Alphatiere, die sich um die Vorherrschaft stritten.

Wir hatten das Paradies. Fünf Jahre lang. Ob mich der Panther heute Nacht holt?


Der Schmerz in meinem Bein macht mich langsam verrückt. Die ganze Nacht hat er getobt, wie ein wütender Bär, der auf meine Knochen ein-drischt. Und der Hunger. Wenn ich schon nicht mit meinen heiseren Schreien alle wilden Tiere der Welt auf mich aufmerksam mache, dann ist es mein laut knurrender Magen. Die Wurzeln, die in meiner Reichweite sind, langen nicht. Und die fetten Maden haben sich alle verkrochen. Durst muss ich nicht aushalten; die Erde ist vollgesogen wie ein Schwamm und Wasser sammelt sich noch immer in kleinen Tümpeln. Wenigstens ist der Ledersack, in dem alle meine Habseligkeiten sind, noch bei mir. Mit mei-nen wenigen Büchern, den Schreibheften und den Stiften. Wir lebten wirk-lich gut hier. Vielleicht auch deshalb, weil niemand wusste, wo wir sind; das war Bedingung. So hatten es die Großen haben wollen. „Wenn schon aussteigen, dann richtig. Keine halben Sachen.“ Einzig wenigen hier lebenden Völkern begegneten wir ab und zu. Anfangs tauschten wir ein paar Dinge mit ihnen. Doch meistens gingen wir uns aus dem Weg. Sie ließen uns in Ruhe und wir sie.

Wieso habe ich nur überlebt?

Ich klammerte mich noch an den Planken der Hängebrücke fest, als meine Eltern in das tosende Maul unter uns fielen. Die Brücke war nicht mehr so, wie ich sie kannte. Alles drehte sich und ich hing an ihr, frei baumelnd über dem Abgrund. Ich weiß noch, wie meine Armmuskeln brannten. Und dass ich dachte, ich darf nicht loslassen. Grüne Augen, wie Glühwürmchen. Verschwindet von hier, sofort. Ich sah nichts mehr. Ich fühlte nichts mehr. Hätte ich nur auf dich gehört.

Dann stürzte ich.

Am schlimmsten war die Stille. Als ich aufwachte und wusste: da ist keiner mehr. Ich weiß nicht, warum ich das wusste, aber es war so klar, wie ich die Stimme des Panthers in meinem Kopf gehört hatte.

Allein. Du bist allein.

Dabei war es nicht still; im Dschungel ist es nie still. Aber in meinem Kopf war es still. Ich hab nicht geheult. Das nicht. Ich bin nur dagelegen, hab in den zerfetzten Blättern über mir den Lauf der Sonne beobachtet und gewartet. Dass auf mein Brüllen doch jemand antwortet. Vielleicht von den Eingeborenen. Würden die mich bei sich aufnehmen?


Ob meine Leute mir geglaubt hätten, wenn ich ihnen von dem Panther erzählt hätte? Wahrscheinlich nicht. Hier gibt es keine schwarzen Panther. Und wenn ich Jonas an jenem Nachmittag mitgenommen hätte? Wäre der Panther dann auch aufgetaucht? Und ob Jonas ihn dann auch gehört hätte?

Verschwindet von hier, sofort.

Wir hätten unsere Eltern warnen können. Wären wir zu Zweit gewesen, hätten sie uns glauben müssen. Mehr als ein ganzer Tag Zeit wäre uns geblieben. Überleben kann so einfach sein, wenn man rechtzeitig weiß, wie man sich vor dem schützen kann, was auf einen zukommt.

Mein Bein ist die Hölle. Ich habe versucht, die Wunde mit Wasser auszuwaschen, aber ich fürchte, das hat alles nur noch schlimmer gemacht. Ein Knochen steht raus. Obwohl es heiß ist, friere ich. Vorhin habe ich gemeint, hinter mir einen Atem zu spüren. Ganz deutlich. Doch als ich mich umdrehte, war da nichts. Keine grünen Augen, kein glänzendes schwarzes Fell. Aber auch keine Reißzähne.

Wenn jemals jemand meine Aufzeichnungen finden sollte, dann wünsche ich mir, dass er mir glaubt, dass ich sie gesehen habe, die schwarze Katze mit den grünen Augen und gehört habe, was sie mir zuflüsterte. Denn nur dann wird er verstehen, wie ich mich fühle, weil ich nicht darauf gehört habe. Wie sehr ich mir wünsche, die Stunden vor dem Sturm noch einmal erleben zu dürfen. Und die anderen zu warnen. Wie oft ich davon träume, auch am Tag. Immer den selben Traum.

Aber nein. Das wird keiner je verstehen können. Und ehrlich gesagt wünsche ich es auch keinem.


Die dritte Nacht steht an. Es wird schon dunkel. Ich fürchte mich vor dem, was sie bringt, vor den langen Stunden. Nur nicht vor ihm.

Ob ich morgen wieder die Sonne durch die Blätter schimmern sehen werde?



(Ende)