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Susanne Zetzl Autorin
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Erschienen in der Anthologie „Goldfluch"

Verlag: net-Verlag, Maria Weise

ISBN: 978-3-95720-131-7

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Von Totenschädeln und anderen Hohlköpfen


Er wohnte bei uns in dem kleinen Zimmer unter dem Dach, so lange ich mich erinnern konnte. Manchmal liefen wir uns im Flur über den Weg und grüßten uns. Mein Zimmer lag am unteren Ende der Treppe, die zu seinem führte. Da er die höheren Klassen in Geographie unterrichtete, sah ich ihn in der Schule nur manchmal auf dem Pausenhof, wenn er Aufsicht hatte.

Ich muss etwa zehn Jahre alt gewesen sein, als mich die Neugier packte. Vielleicht lag es auch nur an dem verregneten Nachmittag, an dem ich nicht so recht wusste, was ich mit mir anfangen sollte; so genau erinnere ich mich nicht mehr. Jedenfalls stieg ich die mit roten Schonern ausgelegten Stufen hinauf, die vor seiner Dachkammer endeten. Ich war mir zwar sicher, dass er nicht da war, weil ich kurz zuvor Schritte nach unten gehört hatte. Trotzdem lauschte ich an der Tür, ob sich drinnen nicht doch was rührt. Aber alles war ruhig.

Die Klinke ächzte leise, als ich sie herunterdrückte. Die Tür war nicht verschlossen; das war in unserem Haus so üblich. Das galt auch für die Mieter. „Ich muss schließlich freien Putzzugang haben!“, war die Begründung meiner Mutter. „Oder glaubt ihr, ich frag jedes Mal um Erlaubnis, wenn ich den Dreck für die anderen wegmachen soll? In meinem eigenen Haus? Soweit kommt’s noch!“

In der Kammer des Lehrers roch es nach Leder und Staub und der Regen trommelte leise aufs Dach. Der Raum war kleiner, als ich dachte. Oder er wirkte nur deshalb so klein, weil er bis unter die Dachschrägen mit allerlei Zeug vollgestellt war.

In der Mitte des Zimmers blieb ich stehen und sah mich um. An der einzigen unverstellten Wand hing ein Tierfell, grau, mit groben Borsten. Die herausragenden Eckzähne ließen mich an einen Keiler denken. Sein Maul war halb geöffnet, man konnte das Gebiss sehen. Es sah aus, als würde er grinsen. Schnell guckte ich weg.

Ein großer Schrank stand an der Wand gegenüber. Er war windschief und duckte sich unter der Dachschräge, als wenn er zu groß für die Kammer wäre.

Die niedrigste Wand war vollgestellt mit Bücherregalen, alle gut bestückt. Das Bett war ordentlich gemacht und ragte wie eine Mahnung der Ordnung aus all den zusammengewürfelten Gegenständen heraus.

Unter dem kleinen Fenster stand eine Truhe, auf der einige Kästen aufgereiht waren. Ich trat näher, um zu sehen, was sie enthielten. Erst nachdem ich die dicke Staubschicht von dem Glasdeckel gewischt hatte, konnte ich hineinsehen. Es waren Schmetterlinge. Wunderschöne, große Exemplare, deren Flügel selbst in dem trüben Regenlicht aussahen, als hätten sie die Sonne eingefangen. Wie wenn sie jeden Moment auffliegen wollten. Doch das würden sie nie mehr tun, denn ihre Körper waren durchspießt mit einer Nadel. Zwar sahen sie dadurch aus, als schwebten sie unter dem Glas, gleichzeitig bannte die Nadel sie aber für immer an diesen einen, ihren letzten Platz. Ob sie noch gelebt hatten, als man ihnen die Nadel in den Leib gerammt hatte?

In dem zweiten Glaskasten saß eine riesige, haarige Spinne. Schnell schob ich den Staub wieder über das Glas.

Ich sah auf das Bett, die glatt gezogene Bettdecke. Wie konnte man in einem solchen Zimmer schlafen, mit einem grinsenden Keiler an der Wand und an Nadeln aufgespießter Körper? Ich stellte mir vor, wie der Keiler abends von der Wand stieg, um dem Schläfer mit seinen spitzen Eckzähnen eine gute Nacht zu wünschen. Oder wie die Schmetterlinge sich auf seiner Brust niederließen, um ihm zuzuflüstern, wie es sich anfühlt, eine Nadel durch den Bauch gestoßen zu bekommen.

Meine Finger wurden kalt. Ein unheimlicher Mensch, dieser Lehrer. Aber es passte zu seinem Aussehen: Lang und dürr war er, dafür aber flink wie ein Wiesel. Und er tauchte stets dann auf, wenn man gar nicht ihm rechnete.

Ich sollte machen, dass ich aus dem Zimmer kam. Doch dann fiel mein Blick auf den Schreibtisch, der in der Mitte stand. Dort blitzte etwas. Neben einem Stapel Bücher, beschriebenen Blättern und einer Vase mit ver-trockneten Vergissmeinnicht stand eine Kugel. Sie war aus Glas und in ihr war etwas, als würde es aus eigener Kraft leuchten. Im Näherkommen sah ich, dass es ein goldener Totenkopf war, der halb aus einer Schatztruhe herausragte. Die Schatztruhe selbst stand in einem Meer aus Goldmünzen.

Der Schädel sah aus, als lächelte er. Vergessen waren grinsende Keiler und aufgespießte Körper – das wollte ich mir näher ansehen. Ich nahm die Kugel aus ihrer hölzernen Halterung. Der Totenkopf blieb in seiner Kiste, doch die Münzen flogen auf und umtanzten ihn funkelnd wie ein Sternen-regen. Ich konnte mich nicht sattsehen, wie der Sturm im Inneren der Kugel sich langsam legte, die Kiste wieder halb unter den Münzen ver-schwand und der Schädel weiter freundlich lächelte. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich die Kugel schüttelte. Erst als ich zwei Stockwerke tiefer das Zuschlagen der Haustür hörte, fand ich zurück in das seltsame Zimmer. Jemand war gegangen oder gekommen; egal, ich musste hier verschwinden.

Mit zitternden Fingern stellte ich die Glaskugel zurück auf das Gestell, hastete zur Tür und zog sie hinter mir zu. Als ich die Treppe zu meinem Zimmer hinunterstolperte, hörte ich den Lehrer ein paar Worte mit meiner Mutter weiter unten im Erdgeschoß wechseln.

Ich schlüpfte in mein Zimmer und lauschte hinter der Tür, wie draußen jemand vorbeiging und die Stufen hinaufstieg – sie knarzten leise.

Auch am Abend trommelte der Regen noch immer gegen die Scheiben der Fenster und die nasskalte Luft war bis unter meine Bettdecke gekrochen. Doch in mir glühte es: Der goldene Totenkopf steckte nun in meinem Kopf, als sei er die gläserne Kugel, die ihn im Inneren verborgen hielt.


Der Morgen war klar und alles sah frisch und wie blankgeputzt aus, als ich mich auf den Weg zur Schule machte. Ich war müde, weil ich die halbe Nacht nicht geschlafen hatte. Die Totenkopf-Kugel rollte unaufhörlich durch meine Gedanken. Ich malte mir aus, dass sie aus einem Piratenschatz stammte. Erobert in einer blutigen Seeschlacht auf Leben und Tod. Ob der Schädel aus echtem Gold war? Und ob es dem Lehrer auffallen würde, wenn er weg wäre?

Es waren nur noch wenige Tage bis zu den Sommerferien. Vielleicht würde der Lehrer in den Ferien verreisen? Dann bräuchte ich nur abzuwarten, bis er weg wäre und könnte dann die Kugel in meinem Zimmer verstecken.

Was aber, wenn er sie mitnahm?

Diese Möglichkeit ließ mich nicht mehr los. Der goldene Schädel hielt mich in seinem Bann; ich musste ihn haben, koste es, was es wolle!

Gleich nach der Schule lief ich nach Hause. Nicht mal mein bester Freund konnte mich überreden, mit ihm am Bach zu spielen, wie wir das sonst immer gerne nach Schulende taten.

Der Lehrer würde erst gegen Nachmittag heimkommen. Mir blieb also noch genug Zeit, in seine Kammer zu schleichen und die Totenkopf-Kugel aus dem Holzgestell zu nehmen.

Der Keiler an der Wand grinste sich eins.


Den Rest des Tages verbrachte ich in meinem Zimmer. Vorsichtshalber hatte ich von innen zugesperrt, obwohl Mama das nicht duldete. Aber das war mir herzlich egal. Was zählte, war einzig und allein der goldene Schädel. Ich war besessen von dem Anblick, wie die glitzernden Münzen auf ihn herabregneten. Es musste schon ein einmaliger Pirat gewesen sein, stolz und stark wie ein Bär, der sich diesen Schatz erobert hatte.


Beim Abendessen sprach ich kaum.

„Mach doch langsam! Du kriegst ja Bauchweh, wenn du den Eintopf weiter so in dich hineinschaufelst!“, sagte Mama.

Aber ich löffelte nur um so schneller. Wohl etwas zu schnell, weil ich tatsächlich Bauchweh bekam. Doch oben auf meinem Zimmer, gut versteckt unter meinem Bett, wartete mein neuer goldener Freund auf mich. Jede Sekunde ohne ihn schien mir vergeudet. Den Gedanken, dass der Lehrer merken könnte, dass die Kugel auf seinem Schreibtisch fehlt, schob ich weit von mir.

In dieser Nacht schlief ich nicht gut. Der Totenkopf schlich sich in meine Träume und sein Grinsen war nicht mehr ganz so nett.


„Was ist los mit dir, hast du keinen Hunger?“, fragte meine Mama beim Frühstück.

„Nein, nicht so“, sagte ich und schob das Marmeladenbrot von mir. Mir lag bereits was im Magen.

Ich stand auf, gab Mama einen Kuss und griff nach meiner Schultasche. Und rannte fast in den Lehrer hinein, der gerade zur Küchentür reinkam.

„Nanu Thomas, so eilig heute?“, fragte er und sah mich über den Rand seiner Brille an. Eine Antwort konnte ich ihm nicht geben. Wie auch; so, wie er mich ansah, war ihm piepegal, ob ich es eilig hatte, oder nicht. Seine wirkliche Frage lautete: „Wann gibst du mir meine Totenkopf-Kugel zu-rück, du kleiner Dieb?“

Ich stürmte an ihm vorbei, so schnell ich nur konnte. In der Schule ging meine ganze Konzentration dafür drauf, dem Lehrer nicht noch mal in die Arme zu laufen. Dann wäre ich verloren, soviel war klar. Er würde nicht lang fackeln und mich zum Bestandteil seiner seltsamen Trophäen-Sammlung machen: ob er mich zu diesem Zweck mit den Ohren an die Wand nageln oder mit einer Riesennadel durchbohren würde, spielte keine Rolle mehr. Er wusste Bescheid, davon war ich überzeugt, und das fühlte sich fast noch grausamer an.


In der zweiten Pause gab ich Magenschmerzen vor, was ja auch nicht gelogen war und rannte nach Hause. Meine Euphorie war ziemlich kleinlaut geworden, dafür wagte sich nun die Vernunft wieder aus der Ecke. Die Kugel mit dem grinsenden Totenkopf war noch immer unter meinem Bett. Ich nahm sie und trug sie die wenigen Stufen zum Zimmer des Lehrers hinauf. Gleich würde alles wieder gut sein, der goldene Schädel wieder an seinem Platz und keiner würde mich mehr an die Wand nageln wollen. Hoffte ich.

Auf der obersten Stufe stolperte ich. Die Kugel rutschte mir aus den verschwitzten Händen und polterte die Stufen hinab. In der Mitte der Treppe zerbrach sie. Kurz schien der Schwall aus Wasser, Goldflitter, Schatztruhe und Totenkopf in der Luft stehenzubleiben, wie ein Wal, der aus dem Meer schießt. Um dann mit einem leisen „Plitsch“ auf den letzten Stufen zu landen.

Ich blickte auf die Stelle, als sei dort gerade tatsächlich ein Wal abgetaucht. Nicht nur, dass die Kugel verloren war, nein – viel schlimmer war das, was in den feinen Fasern der roten Stufenschoner zurückblieb: Winzige goldene Münzen. Hübsche kleine Botschaften, die fröhlich blinkend verkünde-ten, was ich, der kleine Dieb, getan hatte.

Tränen würgten mir den Hals hinauf, als ich wenigstens die Scherben und den scheußlich grinsenden Totenkopf samt seiner Schatztruhe einsammelte. Der übrigens gar nicht aus Gold war: dafür war er viel zu leicht. Dann versuchte ich, die Münzen, – die auch gar keine Münzen waren, sondern nur goldfarbene Flitterteilchen, – aus den Fasern zu puhlen: vergebens. Oder sie wenigstens tiefer in den Teppich einzureiben, bis sie unsichtbar waren. Doch selbst das hätte ich mir sparen können. Auch abkehren mit der Bürste half nicht. Vielleicht, wenn der Lehrer abends heimkam und das Licht schlecht war – ? Aber nein; zu deutlich würden die vielen hundert goldenen Fünkchen im Schein der Lampe aufflammen; unmöglich, sie zu übersehen.

Schließlich gab ich auf, schlich in mein Zimmer und schob die Scherben samt Schatzkiste mit dem leeren Kopf in die hinterste Ecke meiner Schreib-tischschublade.

Ich ließ mich aufs Bett fallen und malte mir das Urteil aus, das der Lehrer über mich sprechen würde. Viel Fantasie war dazu nicht nötig.


Ich musste wohl eingeschlafen sein. Als ich Schritte auf dem Flur hörte, war es schon dunkel. Sie tappten an meiner Zimmertür vorbei. Ich hörte das leise Klicken des elektrischen Lichtschalters, der am Fuß der Treppe direkt neben meiner Tür angebracht war. Dann hörte ich nichts mehr. Das trieb mir den Schweiß erst recht aus allen Poren. Fast konnte ich sehen, wie der Lehrer innehielt, um das seltsame Muster zu studieren, das neuer-dings die Schoner der unteren drei Treppenstufen zierte. Ich nahm ein lei-ses Schaben wahr. Dann wieder lange nichts.

Erst als ich hörte, wie die Treppe unter seinen Schritten knarzte und die Tür oben geöffnet und dann geschlossen wurde, wagte ich wieder zu atmen. Für heute war ich wohl gerettet – was nicht hieß, dass ich davongekommen war. In dieser Nacht schlief ich nicht mehr, sondern lauschte in die Dunkelheit, aus der mir mein schlechtes Gewissen böse zuwisperte.


Es waren nur noch zwei Schultage bis zu den großen Sommerferien. Ich stellte mich krank und blieb zuhause im Bett. Wenn ich es schaffte, dem Lehrer aus dem Weg zu gehen bis er – so hoffte ich! – in die Ferien fuhr: weit, weit weg, dann ...


Ich wurde tatsächlich krank. Am ersten Ferientag musste ich mich übergeben. Auch am zweiten ging es mir nicht besser und ich bekam dazu noch Fieber. Das war zwar schlimm, aber noch schlimmer waren die Alpträume, die mich quälten: Keiler, mit Eckzähnen so groß wie Sensen waren hinter mir her. Schmetterlinge wurden zu sich windende Raupen, die von fett grinsenden Totenschädeln mit langen Speeren aufgespießt wurden.

Und über all diesen furchtbaren Bildern hörte ich immer die Schritte auf der Treppe, das Knarzen der Stufen, wenn der Lehrer kam oder ging. Er war also nicht in die Ferien gefahren. Wieso machte er meiner Quälerei nicht endlich ein Ende? Wieso ließ er mich so lange zappeln? Er musste doch jeden Tag förmlich über die verräterischen Pünktchen auf den Schonern stolpern!


Nachdem die ersten beiden Ferienwochen rum waren, erholte ich mich langsam. Mama päppelte mich mit viel Liebe und beinahe noch mehr Hühnerbrühe wieder auf. Doch das, was mich noch immer umtrieb, konnte auch die beste Hühnerbrühe nicht aus der Welt schaffen. Selbst als Mama sich darüber ausließ, dass sie die Stufenschoner über eine Stunde lang mit dem Teppichklopfer bearbeitet hatte, um „die komischen Glitzerkrümel“ herauszubekommen, tröstete mich wenig.

Tatsächlich besser ging es mir erst, als ich einen Entschluss gefasst hatte: endlich reinen Tisch zu machen. Der Totenkopf grinste noch immer blöd in meiner Schublade vor sich hin. Auch die Schatztruhe und die Scherben der Glaskugel hatte ich noch. Ich würde alles zusammen in ein Geschirrtuch wickeln, zum Lehrer hochgehen und ihm beichten. Wenn ich schon meine Haut nicht mehr retten konnte, so wollte ich doch wenigstens den kläglichen Rest an Würde, der mir noch geblieben war, zusammenkratzen.


Ich hatte abgenommen; meine Hose schlotterte mit meinen Beinen um die Wette, als ich die Stufen zum Zimmer des Lehrers hochging. Ein paar Mal holte ich tief Luft, ehe ich wagte, anzuklopfen. Doch niemand antwortete. Ich klopfte noch mal, nichts. Schließlich drückte ich die Klinke runter und öffnete die Tür. Das Zimmer war leer, niemand da. Ich wusste nicht, ob ich erleichtert sein sollte – eigentlich war mein Ziel, endlich den dämlichen Totenkopf loszuwerden. Aber so, ohne den Lehrer, klappte das nicht.

Gerade wollte ich mich umdrehen und gehen, als mir ein paar Veränderungen in dem Raum auffielen: Die Bücher in den kleinen Regalen fehlten. Und auf dem Schreibtisch die Vergissmeinnicht aus der Vase. Das Bett war abgezogen. Aber vor allem fehlte eins: das hölzerne Gestell der Totenkopf-Kugel.

War der Lehrer doch in die Ferien gefahren? Ich drehte mich um, nahm drei Stufen auf einmal, als ich die Treppe runterrannte und suchte mein Mutter. Ich fand sie im Waschkeller, wo sie in dem großen Bottich rührte, der gerade unsere Weißwäsche verdaute.

„Wo ist der Lehrer?“, fragte ich.

„Na, weg!“

„Was heißt weg – ist er in die Ferien gefahren?“

Sie legte den Deckel auf den Bottich. „Weg heißt: ausgezogen. Schon vor einer Woche. Wusstest du das nicht? Hat er doch erzählt, dass er nach diesem Schuljahr zurück nach Hamburg zieht!“

„Zurück nach Hamburg? Aber ... seine Sachen! Er hat doch noch seine gan-zen Sachen hier!“

Mama fuhr mir durch die Haare. „Das sind doch nicht seine Sachen, Dummchen. Die ganzen Möbel und all der Kram gehören ihm doch gar nicht, die gehören deinem Onkel.“

Ich hatte Mühe, diese neue Erkenntnis durch meine Hirnwindungen an die Schaltzentrale zu bekommen. „Das ganze Zeug gehört gar nicht dem Lehrer? Die Schmetterlinge, das Fell an der Wand und ...“

„Nein, Junge. Der ganze Krempel gehört dem Alfred. Er hat ihn hier gelassen, als er nach Afrika ging. Hab auch nie was davon angefasst. Sollten die Kästen mit dem ganzen Krabbelzeug nur zustauben, will eh keiner sehen, was drin ist. Hat auch der Herr Lehrer gesagt. Wie der hier vor fünf Jahren eingezogen ist, hat er nur seine Bücher, seine Kleider und was er sonst noch nötig hatte, mitgebracht. War ein angenehmer Mieter, der Herr Lehrer, wirklich ein feiner Mensch ...“

Langsam drehte ich mich um und ging in den Hof. Dort setzte ich mich auf die Bank unter dem Apfelbaum. Die Sonne brannte vom Himmel, aber in dem lichtgetupften Schatten war mir trotzdem noch heiß.

Ich zog den goldgefärbten Schädel aus dem Geschirrtuch und betrachtete ihn. Der Kopf war so hohl, wie ich mich gerade fühlte. Von Erleichterung keine Spur. Ein paar Bienen summten um mich herum und eine Mönchsgrasmücke saß in der Hecke und zwitscherte vor sich hin. Es klang, als lachte sie mich aus.


Ich hatte zwar kein Fieber mehr, trotzdem machten mir die schlechten Träume immer noch schwer zu schaffen. Und ich hörte Nacht für Nacht die Schritte des Lehrers, wie er die Treppe auf und ab ging. Ob ich mir das nun einbildete, oder ob der Lehrer tatsächlich herumspukte – das alles hing nur mit diesem verfluchten Schädel zusammen!

In einer Nacht, in der ich mal wieder nicht einschlafen konnte, fiel mir endlich ein, was ich tun musste.

Meine Mutter führte ein Haushaltsbuch, in das sie alles eintrug, was ihr wichtig erschien. Ich zog es aus der Küchenschublade und blätterte es durch. Und hatte Glück: Dort stand der Name des Lehrers und eine Ham-burger Adresse. Ich schrieb sie mir ab.

Noch am selben Tag packte ich das Geschirrtuch mit dem verdammten Schädel, der Schatztruhe und den Scherben in eine Pappschachtel, verschnürte sie und schrieb die Adresse aus Hamburg drauf. Einen Zettel hat-te ich auch noch hinein gelegt:

„Lieber Herr Lehrer Anton, es tut mir ehrlich leid. Ich wollte das nicht. Bitte spu-ken Sie nicht mehr nachts auf der Treppe herum. Mein schlechtes Gewissen ist eh schon größer als die Nordsee. Ihr Thomas.“

Erst als ich das Päckchen zur Poststelle gebracht und das Porto von meinem mageren Taschengeld bezahlt hatte, spürte ich so etwas wie Erleichterung. Wie ein Sonnenstrahl, der nach einem heftigen Gewitter zitternd über die Landschaft tastet.


Eine Woche später kam ein Brief für mich. Mit Hamburger Absender. Ich verkroch mich in der Scheune, wo ich sicher war, nicht gestört zu werden. Dort öffnete ich den Umschlag, als sei sein Inhalt mit Dynamit gefüllt. Ich zog ein beidseitig beschriebenes Blatt hervor.

„Lieber Thomas“, stand da. „dein Brief hat mich sehr gefreut. Wenn ich ihn auch schon viel eher erwartet habe. Oder vielmehr eine Entschuldigung von dir – ich wusste vom ersten Tag an, als die Totenkopf-Kugel von meinem Schreibtisch verschwunden war, dass nur du sie genommen haben konntest. (Deine Mutter schloss ich aus; die macht sich nichts aus Totenschädeln.) Aber ich wollte, dass du von dir aus zu mir kommst oder die Kugel zumindest zurückbringst.

Beides ist nicht passiert.

Als ich dann die goldbesprenkelten Schoner sah, reimte ich mir eins und eins zusammen. Lass mich raten: Du wolltest die Kugel doch noch zurückbringen und dann ist sie dir heruntergefallen. War es so?

Wenn ja, dann sei dir hiermit verziehen.

Und was das Spuken auf der Treppe angeht: Das war nicht ich, das war der Totenschädel. Aber nachdem er jetzt ja wieder bei seinem rechtmäßigen Besitzer ist, bin ich sicher, dass auch die Spukerei nun eine Ende haben wird.

Lieber Thomas, ich wünsche dir für dein weiteres Leben von Herzen alles Gute, dein Lehrer Anton.

PS: Du weißt ja, nicht alles, was glänzt...“


Ab da hörte ich nachts keine Schritte mehr auf der Treppe. Den Rest der Ferien verbrachte ich tatsächlich unbeschwert mit meinen Freunden und vergaß bald die Sache mit der gemopsten Totenkopf-Kugel.

Doch was ich mein ganzes Leben lang nicht vergaß, war, wie gut sich ein reines Gewissen anfühlte. Und dass aus einem Hohlkopf manchmal doch noch ein mit Verstand gefüllter werden kann.


(Ende)